Mehr Pogačar als Gretzky: Velokilometer, Meal-Prep und ein bisschen Heimweh Kaum zu glauben: Vor acht Wochen bin ich nach Kanada geflogen. Ich bin gut angekommen und durfte dort zum ersten Mal meine ganz eigene Wohnung beziehen. Alles war vorbereitet – zumindest fast. Denn leider klappte die Lieferung meines Geschirrs und meiner Bettwäsche nicht wie geplant. So führte mich einer meiner ersten Wege in Kanada nicht etwa aufs Eis oder in den Kraftraum, sondern in ein Geschäft, um mir eine minimale Küchenausstattung zu besorgen. Mit Bettwäsche halfen mir meine Freunde in Kanada aus. Einige Tage später kamen meine Sachen dann doch noch an und ich konnte beginnen, mich richtig einzurichten. Das war für mich wichtiger, als ich zunächst gedacht hatte. Nach und nach wurde aus der noch etwas fremden Wohnung mein eigenes, gemütliches Zuhause – ein Ort, an dem ich mich wohlfühlen und nach den intensiven Trainingstagen erholen konnte.
Ein etwas schwieriger Start Dieses Mal hatte ich zum ersten Mal auch etwas Heimweh. Wahrscheinlich war ich zu Beginn von meiner eigenen Courage ein wenig überfordert: Von der RS ging es mit nur einem einzigen Tag zu Hause direkt weiter nach Kanada. Dort wohnte ich zum ersten Mal ganz allein – und das gleich für längere Zeit. Diese vielen Veränderungen auf einmal haben mich anfangs doch etwas überfordert und verunsichert. Auf das Training und meine Freunde in Kanada hatte ich mich sehr gefreut. Während des Trainings war ich deshalb auch nie traurig. Schwieriger waren eher die ruhigen Stunden am Abend, wenn ich allein in meiner Wohnung war. Und wenn in Kanada Abend ist, herrscht in der Schweiz bereits tiefe Nacht. Ein spontaner Anruf oder ein längerer Chat war deshalb nicht immer ganz einfach – ausser jemand zu Hause war bereit, mitten in der Nacht mit mir zu plaudern. (Mami sei Dank!) Meine Familie und meine Freunde haben mich in dieser Anfangszeit mit vielen Nachrichten und Telefonaten unterstützt. Das hat mir sehr geholfen. Schon bald fand ich meinen Rhythmus und fühlte mich immer wohler. Heute bin ich auch ein bisschen stolz darauf, wie gut ich diese Herausforderung gemeistert und meinen Alltag allein organisiert habe. Auch wenn der Start nicht ganz einfach war, bin ich an dieser Erfahrung gewachsen, selbstständiger geworden – und wahrscheinlich auch ein gutes Stück erwachsener. Vom Sportler zum kleinen Küchenchef Jeweils am Sonntag bereitete ich mit einem grossen Meal-Prep das Essen für die ganze Woche vor. Ja, ich wurde tatsächlich zu einem kleinen Küchenchef! Meine Spezialität: grosse Portionen und viele gefüllte Vorratsdosen. Unter der Woche konnte ich mich dadurch voll auf mein Training konzentrieren, musste nicht mehr viel Zeit fürs Kochen aufwenden und konnte am Abend früh schlafen gehen. Gerade für mich als Leistungssportler ist genügend Schlaf besonders wichtig. Schlaf ist schliesslich fast wie eine zusätzliche Trainingseinheit – einfach gemütlicher und meistens ohne Muskelkater.
Intensives Training in einer grossartigen Gruppe Die Trainingsbedingungen und meine Trainingsgruppe in Kanada sind toll. Es macht wirklich viel Spass, mit dieser Gruppe zu arbeiten, auch wenn manche Trainingstage sehr intensiv sind. Damit ihr euch besser vorstellen könnt, wie mein Alltag dort aussieht, möchte ich euch gerne einmal einen typischen Trainingstag in Kanada zeigen:
Ein Trainingstag in Kanada
Training 1 (Eistraining)
Training 2 (Sprungkraft)
Eher Tadej Pogačar als Wayne Gretzky Das Velotraining war nicht nur während meiner Zeit in Kanada ein wichtiger Bestandteil, sondern prägte mein gesamtes Sommertraining. Sowohl in der Schweiz als auch in Kanada sammelte ich unzählige Velokilometer. (Insgesamt war ich im Sommertraining 171 Stunden auf dem Velo) Bei all diesen Kilometern entwickelt sich mein Körper inzwischen eher in Richtung Tadej Pogačar als Wayne Gretzky. Als Eishockeyspieler wog ich bei einer Körpergrösse von 183 Zentimetern noch 90 Kilogramm. Inzwischen bin ich 83 Kilogramm und fühle mich damit sehr gut und athletisch. Ich bin gespannt, wie sich dieser Gewichtsverlust auf dem Eis auswirken wird – besonders auf den längeren Distanzen. Genau dort soll sich das viele Ausdauertraining hoffentlich bemerkbar machen. Bei den langen Einheiten habe ich allerdings auch gelernt, wie wichtig es ist, genügend Energie zuzuführen. Wenn man bis zu viereinhalb Stunden auf dem Velo sitzt, reicht ein kleiner Snack zwischendurch definitiv nicht aus. An besonders intensiven Tagen brauche ich insgesamt bis zu 7000 Kilokalorien. Da muss schon ziemlich viel gefuttert werden. Zurück in die Schweiz – und endlich Ferien Nach fünf Wochen in Kanada ging es für die letzte Woche der Spitzensport-RS nochmals zurück in die Schweiz. Anschliessend hatte ich eine Woche Ferien. Diese freie Zeit habe ich wirklich sehr genossen. Es tat gut, wieder zu Hause zu sein, Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen und mich etwas zu erholen. Für einmal musste ich weder Trainingszeiten noch Meal-Prep-Portionen bis ins letzte Detail planen – auch das war eine schöne Abwechslung. Die Wintersaison rückt näher Nun trainiere ich noch einige Zeit in der Schweiz, bevor es am 7. September wieder zurück nach Kanada geht. Dann beginnt die Wintersaison und schon bald stehen die ersten Wettkämpfe auf dem Programm. Welche weiteren Rennen ich in dieser Saison bestreiten kann, wird sich anhand meiner gelaufenen Zeiten zeigen. Ich bin sehr gespannt darauf, wie sich das intensive Sommertraining und die vielen Velokilometer auf dem Eis bemerkbar machen werden. Natürlich werde ich euch von meinen ersten Wettkämpfen und dem weiteren Verlauf der Saison berichten. Die ersten Tage allein in Kanada waren für mich nicht ganz einfach. In dieser Zeit waren es vor allem meine Familie und meine Freunde, die mir mit ihren Nachrichten, Telefonaten und ihrer Nähe über die Distanz sehr geholfen haben. Dafür bin ich ihnen unglaublich dankbar.
Ein ebenso grosses Dankeschön gilt meinen Sponsoren und allen, die mich auf meinem sportlichen Weg unterstützen. Ohne eure finanzielle und materielle Unterstützung wäre das gesamte Projekt Spitzensport in dieser Form gar nicht möglich. Ihr ermöglicht mir, in Kanada unter hervorragenden Bedingungen zu trainieren, mich weiterzuentwickeln und meinen sportlichen Zielen Schritt für Schritt näherzukommen. Vielen Dank, dass ihr an mich und meinen Weg glaubt! Sportliche Grüsse Nico